Viktoria Pilsen – Bohemians 1905 Prag / irgendwann im März 2010

Der tschechische Teil der Tour wurde aus Geiz natürlich nicht auf den mautpflichtigen Autobahnen zurückgelegt, sondern es wurde die Route über die Dörfer gewählt. Direkt nach der Grenze hat man noch gedacht, dass es doch irgendwie ganz nett ausschaut. Gut, 12% Steigung auf ner Straße sind hier nur im Gebirge üblich. Nach Stribro jedoch, der einzigen Ansiedlung auf den immerhin 100 km nach Pilsen, die die Bezeichnung „Stadt“ verdient, sollte sich das jedoch schlagartig ändern. In den Dörfern, durch die man da teilweise gefahren ist, schaute es auf einmal sowas von schäbig aus… real gescheiterter Sozialismus in Reinkultur. Die Käffer sahen aus wie in nem Weltkriegs-Shooter für’n PC die Dörfer in der Normandie, nachdem (!) die Wehrmacht durchgefahren ist. Pilsen selbst ist (abgesehen von sozialistischen Randbezirken mit grell lackierten Plattenbauten) recht hübsch und sieht aus, wie ne normale europäische Großstadt eben so aussieht. Das Stadion selbst erkannte man schon recht früh an den zwei Flutlichtmasten, die entfernt in den Himmel ragten. Vor eben selbigen ging das mit der Parkplatzsuche auch erstaunlich schnell. Allerdings sind die Parkplätze in Tschechien wohl auf alte klapprige Skodas ausgelegt. War doch ganz schön schmal, und wenn dann der Nebenmann noch nicht einparken kann…
Am Stadion angekommen, gab’s gleich mal ein gewaltiges Problem. In der Bierstadt Pilsen, wo man doch etwas touristisch eingestellt sein könnte, sprach niemand englisch und erst recht niemand deutsch. Außerdem haben die immer noch ihre komische Krone und sollte man meinen, ein Tscheche wird bei Euroscheinen ganz hibbelig, so wurden wir schnell mal eines Besseren belehrt. Weder am Ticketschalter, noch in der „Reception“ (die mich so ganz nebenbei an eine Kreissparkasse Mitte der 90er Jahre erinnerte) wollte man unser Westgeld haben. Wir liefen ein paar Jünglingen in die Arme, die Karten verkauften. Mal so ganz nebenbei: Was soll ein Schwarzmarkt (mit dem man Geld verdienen will), wenn das Spiel nicht mal halb ausverkauft ist?! Naja, die wollten unsere Euros zumindest haben, so gab’s für nen 10er zwei Karten und gut war das. Wer da nun wen beschissen hat, war uns auch eigentlich völlig egal. Das Stadion wusste doch zu gefallen. Die mächtige, typisch ostblockige Haupttribüne war eigentlich dreigeteilt. Unten befand sich ein ca. 4 Meter hohes Stockwerk, welches die Umkleiden und verschiedene andere Räume beherbergte. Unter Anderem die Hausmeisterwerkstatt mit Blick zum Spielfeld. Vor der Tribüne befanden sich Treppen, die in den ersten Rang führten. Dieser war 10 Reihen hoch und bestand vollständig aus blauen Sitzschalen. In der Mitte des Ranges war der VIP-Bereich, der sich dadurch vom Rest unterschied, dass er bequemere Sitze, einen Fernseher mit einer einzigen Kameraeinstellung und die alten Heizstrahler aus Leverkusen hatte. Die Dinger wären sooo wichtig gewesen.
Der zweite Rang bestand aus ca. 20-25 Reihen, die recht steil aufstiegen und der Tribüne einen mächtigen Eindruck verschafften. Jedenfalls mächtig, wenn man bedenkt, dass nur 6.000 Leute raufpassen. Bis auf die Gegengerade bestand der Rest des Stadions aus ehemaligen Stehplätzen, die allerdings mit Bannern abgesperrt waren. Mit Ausnahme des Gästeblocks. Dieser war großzügig eingezäunt und wohl ausreichend dimensioniert – die 300 Bohemians fanden bequem darin Platz. Auf der Gegengerade, deren Traversen einem beim Betreten auch schon entgegen kamen, haben sich die Supporters von Viktoria Pilsen niedergelassen. Mehr als 100 unterstützungswillige kamen aber nicht zusammen und hatten einen schweren Stand gegen den sangesfreudigen Bohemians-Anhang. Gekrönt wurde das Stadion durch zwei Flutlichtmasten. Vier Stück wären ja auch dekadent.
Eigentlich sind wir ja als heimliche Bohemians-Sympathisanten da hin gefahren, was zu einem nicht geringen Teil an Marek Nikl und Jiri Kaufman gelegen haben könnte. Beide machten dann zu unserer Freude auch das, was sie immer machten: Nikl semmelte Gegner um, sammelte Karten und Freund Kaufman jagte den Ball in seiner einzigen auffälligen Szene 10 Meter in die Wolken. Heimlicher Held des Tages (zumindest bei mir) war Frantisek Rajtoral. Der 27er der Pilsener mit den blauen Schuhen, der schon beim Aufwärmen als Einziger durch Ballbeherrschung aufgefallen ist. Den Freistoß zum 1:0 holte er raus, beim 2:0 nagelte er den Ball einfach vom Toraus in den Strafraum bolze irgend nen Prager an und der war dann so gnädig, den Ball ins eigene Tor abzufälschen. Nebenbei zeichnete er sich durch verschiedene Wühlereien im und um den Bohemians-Strafraum aus und bekam das ein- oder andere Mal ordentlich eins auf die Zwölf.
Generell bleibt aber zu sagen, dass beide Teams arge Schwierigkeiten hätten, in der zweiten Liga bei uns mitzuhalten. Die Viktoria noch eher, als die erschreckend schwachen Bohemians. Die haben zuvor nur 11 Tore in 20 Spielen geschossen und man hat in Pilsen auch genau gesehen warum. Als sehr rustikal kann man die Spielweise in der Gambrinus Liga beschreiben. Aber es war auch zu sehen, dass die Spieler sich damit arrangiert haben und eben nicht, wie in unseren Breitengraden üblich, nach nem vermeintlichen Foul erstmal 5 Minuten den sterbenden Schwan spielen, sondern einfach aufstehen und weiterlaufen. So war das 3:0 auch eher der rustikalen Spielweise zu verdanken. Der eingewechselte Tomas Krbecek (ja, die heißen da alle so – Vokale waren teuer und wir hatten ja nichts) wirft sich in eine Ecke, einen Gegenspieler nebst Torwart und Ball ins Tor und lässt sich kurz darauf von den meisten der 3.840 Zuschauer feiern. Krbecek hat’s übrigens geschafft, 10 Sekunden nach seiner Einwechslung ne gelbe Karte zu kriegen.

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