Fotografieren beim Fußball

Wie schön ist es doch, wenn man seine zwei Leidenschaften so elegant verknüpfen kann. Lies in den folgenden mindestens fünf Millionen Zeichen, wie du im Stadion vernünftige Bilder hinkriegst, warum Sportfotografen ihre sündhaft teuren Objektive nicht zur Potenzsteigerung umhertragen und warum Minecraft kein geeignetes Handyspiel ist.

Anmerkung: Da momentan ja keine Fußballspiele stattfinden, habe ich bei diesem Beitrag auf ältere Bilder zurückgegriffen. Das wird bei nächstbester Gelegenheit mit neuerem Material aufgehübscht. 

Grundsätzliches

Je nachdem, welches Sportevent du besuchst, könnte dein Equipment ein größeres Problem darstellen. In eigentlich allen großen Ligen steht in der Stadionordnung, dass das Mitführen von Profikameras ohne Akkreditierung untersagt ist. Nun kann man mit einem Stadionordner trefflich über den Sinn des Begriffs ‘Profikamera’ am Beispiel einer Sony Alpha 58 diskutieren, man kann sich aber auch einen rostigen Nagel ins Knie bohren, der Spaßfaktor ist ähnlich hoch. “Profikamera” definieren die meisten Stadionbetreiber übrigens anhand der Möglichkeit, Objektive zu wechseln. Die meisten Stadionordner machen dann ein “sieht groß aus, bleibt draußen” daraus, selbst mit einer räudigen Bridge-Kamera läuft man Gefahr, draußen zu bleiben. Mach dich also vorab schlau, was du mitnehmen darfst. Kommerzielle Fotografie ist übrigens ohne Akkreditierung tabu, dafür kannst du richtig auf den Sack kriegen. Also lass es bleiben. Aufnahmen für den Privatgebrauch sind aber eigentlich immer ok. Im Zweifel vorher beim Veranstalter nachfragen.

Faire Regelung in Osnabrück: Objektive bis zu 200mm Brennweite sind erlaubt.
Grafik: © VfL Osnabrück https://www.vfl.de/bremer-bruecke/stadionordnung/

Auch um Diskussionen zu vermeiden, bleibt meine Alpha 58 eigentlich immer im Kofferraum. Ein weiterer Grund ist ein ganz Profaner: Wo gejubelt wird, fallen Bierbecher. Und was mögen Kameras nicht? Richtig, Bierbecher! Wenn ich nur meine RX100 dabei habe, kann ich die in die Jackentasche retten und die Kleine ist sowieso so gut, dass sie mir im Stadion auch einfach ausreicht.

Die Todsünden

Mach den Blitz aus! Nee, ernsthaft jetzt! Zu oft sehe ich Automatik-Knipser mit eingeschaltetem Blitz, die sich dann wundern, dass der kreisrunde Haarausfall des Vordermanns total gut getroffen, aber der Rest des Bildes stockduster ist. Ich bin eh dafür, den eingebauten Kamerablitz mit einem Elektroschock zu koppeln, der jedes Mal Stromschläge verteilt, wenn man ihn benutzt. Lernen durch Schmerz. Also, Blitz aus, denn der bringt dir im Stadion überhaupt gar nichts, die Lichtverhältnisse dort sind eh schon kompliziert genug, da braucht’s nicht noch ne übermotivierte Kameraelektronik, die schön mit 1/60 Sekunden in ein großes, schwarzes Loch pfeffert.

Eine weitere Todsünde ist der Gedanke an den Zoom. Liebe Smartphone-Besitzer, das geht raus an euch! Oftmals sehe ich Leute, die wie wild auf ihrem Phone herumwischen und versuchen, das Objekt näher ranzuholen und wundern sich dann hinterher über eine schlechte Bildqualität. Willkommen beim Digitalzoom! Damit kann man auf dem Display zwar hervorragend Minecraft spielen, mit Fotografie hat das jedoch nicht mehr viel zu tun. Ein Digitalzoom holt das Objekt nicht näher heran, sowas macht nur ein optischer Zoom. Ein Digitalzoom vergrößert lediglich den Bildausschnitt, den das Smartphone in der Lage wäre abzubilden. In etwa so, als würde man in der Galerie in ein fertiges Bild zoomen. Ein Smartphone mit optischem Zoom gibt es nicht, es würde dem Sinn eines dünnen Smartphones aber auch irgendwie widersprechen. Manche neueren Smartphones haben für diesen Zweck mehrere Linsen, die sich bei Bedarf umschalten lassen. Mein LG G7 z.B. hat eine Weitwinkel- und eine “Zoom”-Linse. Alles was der Digitalzoom macht, kannst du hinterher am Rechner (oder am Smartphone) genausogut und einfach machen, nämlich das Bild bescheiden und somit den Bildausschnitt größer wirken lassen. Bis dahin hast du aber deutlich mehr Qualität im Foto, als wenn du direkt mit dem Digitalzoom arbeitest. Also Pfoten weg!

Belichtung im Stadion

Die große Herausforderung in einem Stadion besteht in der Bauweise. Grob gesagt haben wir drei Helligkeitsbereiche, den Himmel (sauhell oder stockduster), den Platz (hell) und die im schlechtesten Fall überdachten Zuschauerbereiche (sehr dunkel). Wenn dich dann noch das Flutlicht blendet, ist es schon eine schöne Aufgabe, die Belichtung richtig zu steuern. Flutlicht scheint dir ja meistens aus den oberen Ecken in die Linse. Das heißt, diese Bereiche des Bildes werden später tendenziell überbelichtet sein.

In diesem Fall kann dir ein HDR weiterhelfen, aber ich gebe zu, dass das nicht so ganz einfach ist, denn Abstellmöglichkeiten für die Kamera sind rar gesät. Am Nachmittag ist das ein relativ kleines Problem, da kannst du ein HDR mit etwas Übung auch aus der Hand schießen. Oder eure Kamera/euer Smartphone hat eine HDR-Funktion, die nimmt dir einige Arbeit ab.

Hier ein Vergleich HDR vs. Einzelbild. Die Bilder wurden nachbearbeitet, um die Vorteile eines HDR zu zeigen.

Bei Abendspielen frage ich mich bevor ich ein Foto mache, was ich eigentlich fotografieren will. Will ich den Platz oder die Stadion-Architektur fotografieren, macht es mir wenig aus, wenn die Zuschauerbereiche unterbelichtet sind. Will ich die Zuschauerbereiche fotografieren, kann ich mit einem überbelichteten Platz, bzw. einem ausgebrannten Himmel zur Not leben. Überleg dir, was dein Bild eigentlich aussagen soll! Im Stadion arbeite ich tatsächlich gerne mit der Bildkontrolle auf dem Display. Die habe ich im Alltag normalerweise ausgeschaltet. Auch das Histogramm ist dir bei der Belichtung ein wichtiges Hilfsmittel, denn es zeigt dir, wann dein Bild korrekt belichtet ist. Grundsätzlich gilt aber auch im Stadion: Lieber im Zweifel zu dunkel belichten und hinterher aufhellen. Zu helle Bereiche kriegst du hinterher nie wieder detailliert.

Panorama im Stadion

Das Ultraweitwinkel liegt gelangweilt im Kofferraum und unterhält sich mit dem Kamerabody: “Du, der schießt doch ohne uns bestimmt wieder so’n Panorama.” “Ja, der Blødmånn ist wieder mit dieser kleinen Sony-Schlampe losgezogen.” “Diese Bitch soll sich mal zurück in die Tasche trauen…”

Panorama aus 4 Einzelbildern – Wildparkstadion Karlsruhe – f/3.3 – 1/125 sek. – ISO 100 – 24 mm KB

Die gute Nachricht: Auch mit deinem Smartphone kannst du vernünftige Panoramas schießen. Oh, meine Kamera kann ja ein Schwenk-Panorama!? Super Idee! In einem Metier, wo es auf absolute Ruhe ankommt, fange ich das Schwenken an. Dat Einzige, wat geschwenkt wird, is der Grill im Saarland. Wusstet ihr, dass das Saarland exakt der Größe von 359.908,96 Fußballfeldern entspricht? Also, vergesst die Funktion des Schwenk-Panoramas an eurer Kamera, denn das Einzige, was eine Schwenk-Funktion produziert, ist Ausschuss.

Für ein Panorama schieße ich einfach einige Einzelbilder “nebeneinander”, das heißt, ich fange z.B. ganz links in der Ecke an, schieße dort ein Foto, drehe mich mehr in die Mitte, mache das Nächste, usw… bis ich ganz rechts angekommen bin. Dabei macht es nichts, wenn ihr einen Teil des Motivs doppelt fotografiert habt, die Software rechnet das später zusammen. Beim Fotografieren stelle ich die Kamera wenn möglich auf den manuellen Modus, denn Blende, ISO-Wert und Belichtung sollten möglichst identisch sein. Mittlerweile haben auch viele Smartphones einen manuellen Modus, in dem ihr zumindest die Belichtung und den ISO-Wert anpassen könnt. Die Blende ist eh fix.

Panorama aus 4 Einzelbildern – Arena AufSchalke – 1/20 sec. – f/3.3 – ISO 400 – 24 mm KB

Profi-Level erreicht der ganze Spaß, wenn ihr von jeder Einstellung eine Belichtungsreihe macht (+/- 1EV z.B.), denn dann könnt ihr hinterher HDRs zaubern und diese zu einem HDR-Panorama zusammenfügen.

Apropos zusammenfügen, das machst du nicht in der Kamera, sondern hinterher am Rechner. Deshalb ist es auch so wichtig, schon im Stadion sorgfältig zu arbeiten und alle später benötigten Puzzleteile schon vor Ort zu erstellen. Wenn du hinterher merkst, dass dir ein Teil fehlt – Pech gehabt. Für das Zusammenfügen der Bilder nutze ich das Programm Hugin (Freeware). Das ist eigentlich selbsterklärend, ihr müsst nur die zusammenzufügenden Bilder auswählen und Hugin berechnet dir anhand der Überlappungen innerhalb der Motive euer Panorama. Das solltet ihr dann noch in Hugin, oder in jedem anderen Programm zurechtschneiden, um die schwarzen Balken loszuwerden und fertig ist euer Panorama. Lightroom

Ticket fotografieren

Für deine superkrasse Instagram-Story von dem meeeeega Bundesliga-Event Hertha BSC vs. Mainz 05 (vor 25.000 Zuschauern- geht 0:0 aus) brauchst du noch ein Ticketfoto und du willst deine Wurstfinger nicht im Bild haben?

Dafür habe ich vor einiger Zeit im Baumarkt eine Mikro-Zwinge mit Magnet entdeckt. Kostete irgendwie 1€ oder so. Die könnt ihr bequem an das Geländer pappen und dann euer Ticket ablichten. Oftmals suche ich mir auch einfach ein Hilfsmittel im Stadion. Sitzschalen, oder einfach den Zaun zum Spielfeld.

Magnete sind im Stadion eine nützliche Sache…

Wenn du sowohl Vordergrund als auch Hintergrund scharf haben willst, kommt die Schärfentiefe ins Spiel. Die sorgt dafür, dass sowohl der Vordergrund, als auch der Hintergrund scharf sind. Das Bild unten habe ich mit der maximalen Blende f/8 aufgenommen, allerdings mit der Panasonic TZ-61, also einer Kamera mit kleinem Sensor. Ein Smartphone hat meistens noch kleinere Bildchips und Linsen, sodass – physikalisch bedingt – meistens sowieso das ganze Bild scharf wird. Was im Falle eines Porträts von Nachteil ist und von modernen Smartphones softwareseitig ausgeglichen wird, kommt uns in dem Fall entgegen.

… Zäune auch. Panasonic DMC-TZ 61 – 1/60 sec – f/8 – 24 mm KB

 

 Ein paar Gedanken zur Sportfotografie

Eins vorweg: Darin bin ich wahrhaftig kein Experte. Ich habe weder das Equipment, noch die Lust, mich damit großartig auseinander zu setzen. Um dort wirklich professionelle Ergebnisse zu erzielen, brauchst du eine Kamera mit schneller Serienfunktion (meine Sony a58 schafft gerade mal 6 Bilder/s im RAW-Modus) und ein fettes Tele mit einem schnellen Autofokus. Das alles kostet Geld. Viel Geld. Nicht umsonst sieht man in den Fotogräben der Bundesliga fast ausschließlich weiße Objektive von der Größe eines Andenkondors. Wer nun diese ganzen dynamischen Nahaufnahmen von den Sportlern sieht und sich denkt “das will ich auch”, aber die Ausgaben scheut, wird nicht glücklich werden. Natürlich geht es auch günstiger, aber du musst damit rechnen, wesentlich mehr Ausschuss zu produzieren. Wenn dir das reicht, dann benötigst du eigentlich nur eine Einsteiger-Kamera und ein günstiges Teleobjektiv. Aber: Vergiss diese 70-300-Geschichten, die du für nen Hunni auf’m Grabbeltisch findest. Die sind als günstiges Reisezoom ganz nützlich, die historische Kirche im Urlaubsort steht da schließlich schon seit 1.000 Jahren, die läuft nicht so schnell weg. 😉 Für die Sportfotografie sind die Dinger maximal unbrauchbar, denn eine maximale Blendenöffnung von f/5,6 im Telebereich lässt nicht viel Licht auf den Sensor, du hast in der Sportfotografie aber einen riesigen Feind, nämlich das Licht. Bzw. das nicht vorhandene, denn gerade in den unteren Ligen hast du eben keine TV-taugliche Flutlichtanlage mit 1.896 lux, die dich im Stadion unterstützt, sondern du bist auf Available Light angewiesen. Die Blende kannst du dabei ruhig ganz aufdrehen, die Randschärfe ist zu vernachlässigen (oftmals sogar ungewünscht), denn dein Objekt spielt sich ja in der Mitte der Linse ab, aber weniger als f/4 ist im Bereich des schmalen Geldbeutels nun mal verdammt unrealistisch. Ich nutze übrigens das uralte Ofenrohr von Minolta (70-210mm, f/4), dessen Autofokus ist zwar kein Ferrari, aber wenigstens hat es eine durchgehende Blende 4 auch am langen Ende. Und die 3x in 6 Jahren, die ich nun das Geschehen auf dem Platz fotografiert habe, hat mir das gelangt. Auch hier wieder mein Tipp: Schau doch mal gebraucht!

Lok Leipzig vs. Carl-Zeiss Jena – Sony SLT-A 58 – 1/1000 sec. – f/4 – ISO 400 – 180 mm KB

Nun dämmert dir vielleicht langsam, warum Sportfotografie vor allem eine Frage des Equipments ist: Du kannst halt nicht mal eben ne Sekunde belichten, selbst Spieler von Hannover 96 laufen dir in der Zeit aus dem Fokus. 😉 Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alles länger als 1/500 Sekunden eigentlich unbrauchbar ist, weil du sonst die Bewegungsunschärfe der Spieler fotografierst, statt die Spieler selbst. Die Blende wird durch deinen Geldbeutel begrenzt, also hast du nur noch eine Chance, das Bild hell zu kriegen: Den ISO-Wert! Allerdings sind auch da die natürlichen Grenzen einer günstigen APS-C-Kamera relativ schnell erreicht. Bei meiner Sony sieht alles über ISO 1.600 wirklich nicht mehr schön aus. 3.200 ist gerade noch brauchbar, aber Spaß macht das dann nicht mehr und darauf kommt es ja schließlich an.

Natürlich ist das alles weniger ein Problem, wenn du am Nachmittag beim Spiel bist, aber gerade im November/Dezember ist es schon arg duster, wenn ein Amateurspiel gegen 17 Uhr seine Schlussphase einläutet. Solltest du dich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen für eine Hallensportart begeistern, wirst du das Problem sogar dauerhaft haben.

Rot-Weiß Deuten vs. VfB Marl-Hüls – Sony SLT-A 58 – 1/2000 sec. – f/6.3 – ISO 200 – 225 mm KB

Nachdem du nun weißt, dass du keine Chance haben wirst, viele professionelle Bilder zu machen, noch ein paar Worte zum Kamera-Setup (ich kann gut motivieren, nicht wahr?! 😀 )

Stelle deine Kamera in den Serienbildmodus. Ob du JPEG oder RAW nutzt, bleibt dir überlassen. RAW gibt dir natürlich mehr Möglichkeiten in der Nachbearbeitung, die meisten Kameras sind im reinen JPEG-Modus aber schneller. Du solltest auf jeden Fall mit dem Nachführ-Autofokus arbeiten. Bei meiner Sony nennt sich das “AF-C”. In diesem Modus folgt der Autofokus dem sich bewegenden Objekt, solange du den Auslöser halb gedrückt hältst. Den Autofokus stellst du auf Mitte/Spot, denn dort arbeitet er am Genauesten und da dein Objektiv in der Mitte am Schärfsten ist (abblenden wollen wir ja nicht), versuchst du ja sowieso, dein Motiv in der Mitte des Objektives zu treffen. Stelle die Belichtung am besten manuell auf 1/640 oder 1/500 Sekunden fest. Die Kamera wird nun zwar versuchen, eine offenere Blende zu nehmen, aber an den baulichen Gegebenheiten des Objektivs scheitern. Würdest du andersrum die Blende fix setzen, würde die Kamera die Belichtung zu weit hochziehen. Auch den “maximal hübschen ISO-Wert” deiner Kamera solltest du kennen und entweder fix einstellen, oder deine Kamera hat eine ISO-Automatik, in der du einen Maximalwert festlegen kannst.

Nun viel Spaß beim Fotografieren im Stadion oder auf’m Bolzplatz. Wenn du noch andere Tipps hast: Her damit! 🙂