Hannoi durfte gestern schon erzählen, wie viel Spaß ihm Radfahren auf Sylt macht. Jetzt bin ich dran. Ein Fahrrad hatte ich keins, obwohl ich im Land der Fietsen war. Hätte ich eins gehabt, wäre mir zumindest die Tram erspart geblieben, aber lest selbst:
Das Ziel wurde erst am Morgen der Abfahrt an unseren Heimatbahnhöfen enthüllt, wo wir uns gleichzeitig einfanden. Vorher sendeten wir uns Briefe mit den Unterlagen und natürlich einigen Garstigkeiten hin und her. Wobei „Heimatbahnhof“ ein dehnbarer Begriff ist, denn dank nicht funktionierendem Schienenersatzverkehr durfte ich schon ne halbe Stunde mit dem Auto nach Essen gurken.
Also fand ich mich nun an einem Septembermorgen um halb 7 auf einem Essener Stadtteilbahnhof wieder und startete einen Videocall mit Hannoi, in dem wir uns gegenseitig unsere Liebesbriefe vorlasen:
Guten Morgen, Kater!
Oder sollte ich sagen „Goedemorgen, Kat“? Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich einen Regelverstöß begangen habe. Nur einen leichten, dazu genehmigt von Wolters [„Schiedsrichter“, anm. d. Red.] und es ist nur zu deinem besten!
Dieses besondere Duell führt dich nach Holland, genauer gesagt ins maßlos unterschätzte Den Haag. (Zitat Wolters: „Bis 1944 war das ja immerhin Inland.“) Wer wollte nicht schon immer sehen, wo Wladimir Putin als Alternative zum Kreml leben könnte? Wenn du am Binnehof, am ‚oude Stadthuis‘ oder am ‚Paleis Noordeinde‘ (bitte mit starkem hollädischen Akzent lesen) keine schönen Bilder hinbekommst, dann solltest du deine Kamera an den Nagel hängen.
Diese und weitere Motive, so wie die Möglichkeit, den ganzen Tag Frikandeln und Kibbeling in sich zu schaufeln, machen diese Stadt meines Erachtens zu einem spektakulären Reiseziel und für die volgende beide Dagen werde ich dich beneiden und hassen. An Orten wie Den Haag entstehen immerhin die schönsten musikalischen Liebeserklärungen an Fußballvereine! Und diese Sprache! Es ist wie Musik in den Ohren!
Viel Spaß in einer Stadt, die sehr hoch auf meiner persönlichen Liste steht und – ganz wichtig – Vooruit ADO!
Dazu müsst ihr wissen, dass es sich vor einiger Zeit (dürfte fast zehn Jahre her sein) zutrug, dass wir (naja, ich) im Forum einen Adventskalender mit Fußballhymnen aus der niederländischen Liga veranstaltete, denn wenn dieses Volk eins nicht hat, dann einen stilsicheren Musikgeschmack. Daraus entwickelte sich ein fieser Running Gag durch einen noch fieseren Song. Vorhang auf für John Medley und seinen Gassenhauer ‚ADO, dat is ons cluppie‘! Und ja, dieser ausgebüxte Hooligan, der diesen besoffen dreinschauenden Maskottchenstorch herzt und dabei eine fröhliche Schlagermelodei trällert, hatte es uns sofort angetan. Viel Spaß damit! 😀
Jetzt hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, denn ich habe Hannoi über fünf Stunden durch die Gegend gejagt, dabei aber immerhin keine Regel gebrochen. Für das Gewissen blieb eh keine Zeit, denn mein Zug kam bereits – und endete direkt in Oberhausen. Dort durfte ich einen ICE besteigen, der allerdings typischerweise auf sich warten ließ. So kam ich in den Genuss, fast eine Stunde lang am Oberhausener Hauptbahnhof herumlungern zu dürfen. Ja, Genuss ist das richtige Wort.

Die weitere Fahrt verlief problemlos und dass man auf niederländischem Staatsgebiet sein müsste, erkannte man an der schieren Masse an Drahteseln am erstbesten Dorfbahnhof. Dies erkannte man deshalb so gut, weil der Niederländer Geschwindigkeiten jenseits von 140 km/h für Hexerei hält. Auf der Autobahn wirst du schon bei geringster Überschreitung des Tempolimits dein Erstgeborenes und einen stattlichen Geldkoffer nach Leeuwarden senden müssen und auf der Schiene geht es nur auf wenigen Strecken schneller voran. Auch auf der nächsten Strecke, die ich nach einem Umstieg in Utrecht (krasser Bahnhof, btw!) erreichte, ging es nicht schneller.

Dafür nun in einem gelb-blauen Intercity, der Nederlandse Spoorwegen, was allein schon aufgrund der Farbgebung einen massiven Affront darstellte. Der Zug allerdings… alter Schwede, DAS ist die höchste Zugkategorie, die ihr zu bieten habt? Gut, das Land ist so groß wie ein Bierdeckel (oder 16,2 Saarländer) und kein Zug ist jemals unpünktlich, von daher ist die Wahrscheinlichkeit, länger als zwei Stunden in diesem Gefährt zu verbringen, ungefähr so hoch, wie beim morgendlichen Besuch des Donnerbalkens von einem Blitz getroffen zu werden.
Aber die Dinger waren schon ganz schön schäbig… zuerst lief ich versehentlich in die erste Klasse und sah mich mit Sitzen mit rotem Kunstlederüberzug konfrontiert. Die Vibes schwankten zwischen „Benz der 70er“ und „Laufhaus in Amsterdam“ und ich suchte schnell das Weite. Auch die zweite Klasse überzeugte mit dem alteingesessenen Komfort der 70er, den man sonst nur noch in fußballbezogenen Sonderzug-Fahrten serviert bekommt. Hier allerdings ohne bierklebrigen Fußboden, rauchende Atzen und Stiernacken mit rechtsradikalem Liedgut.

Ein Städtchen hat keinen Namen
Völlig problemlos erreichte ich am späten Vormittag Den Haag. Das offiziell eigentlich gar nicht Den Haag heißt, sondern s’Gravenhage. Ein Fakt, der mit bis dato völlig unbekannt war und der mich später noch vor gewisse Herausforderungen stellen sollte. Auch The Hague, also die englische Version, war auf Werbematerial allgegenwärtig. Drei Namen sind auch einfach besser als gar keiner.

Zuerst jedoch wähnte ich mich eher in einer modernen Metropole, denn Den Haag Centraal (also der Hauptbahnhof) liegt inmitten des modernen Geschäftsviertels und durch das Glasdach konnte man die Hochhäuser bestaunen. Ebenfalls bestaunen konnte man den örtlichen Sanifair (ekelhaft) und die Koffer-Schließfächer, die sogleich mit 14€ eingepreist waren.

Ich hatte allerdings das Problem, dass ich erst in gut fünf Stunden ins Hotel einchecken können würde und so war nicht nur das Schließfach teuer, sondern auch guter Rat. Mein innerer Sparfuchs fand sogleich eine Lösung in Form eines externen Dienstleisters, der überall in der Stadt Möglichkeiten anbietet, den Koffer unterzustellen. Dies würde für den Tag nur ungefähr die Hälfte des Bahnhofsschließfachs kosten und war in direkter Nähe des Bahnhofs angesiedelt. Schnell online gebucht und dann mal gesucht. Etwas skeptisch wurde ich, als mein Weg mich in eine nicht gerade vertrauenserweckend aussehende Wäscherei führte. Die steinalte Dame offensichtlich asiatischer Herkunft war total freundlich, sprach aber absolut kein Englisch. Dank der App wusste sie allerdings mein Begehr und zeigte auf eine leere Ecke direkt am Schaufenster, wo ich meinen Koffer deponieren sollte. Ich stellte meinen Begleiter schulterzuckend ab, bekam keine Quittung oder sonst irgendwas, sondern verschwand einfach.

Unterkommen, umherkommen und am besten nicht umkommen
Die Unterkunft kommt später, aber die Überschrift drängte sich auf. Nun musste ich erstmal das Tram-System verstehen. Spoiler: Hat nicht geklappt. Ich halte mich für durchaus begabt darin, in fremden Städten mit den örtlichen Verkehrssystemen zurecht zu kommen, aber dieses System hat mich gebrochen. Ich weiß nicht, wie oft ich am Ende in der falschen Tram war, sicher fünf Mal. Daher nehmt diesen Absatz einfach mal als Reisehinweis zur Kenntnis. Die offizielle App (HTM) kann dir Tickets verkaufen und theoretisch auch die Route planen. Praktisch kannte sie einige Orte nicht, oder ich habe sie falsch eingegeben, keine Ahnung. Ich wollte nach Scheveningen, was ja der Küstenort neben Den Haag ist. Ich dachte noch bis zu dieser Sekunde, dass Scheveningen eine eigenständige Stadt ist. Ist es aber nicht. Deshalb hat diese lustige App auch app-solut nicht mit mir sprechen wollen, als ich verzweifelt nach Scheveningen gesucht habe.
Was zum nächsten Problem führte: In dieser App gibt es keine Übersichtskarte, welche Linie wo lang fährt. Mit dieser Karte wäre es mir ein Leichtes gewesen, herauszufinden, wie meine Zielhaltestelle denn offiziell heißt. Mit dieser Karte hätte ich auch herausgefunden, dass die Linien 1 und 9 zwar beide zur Promenade Scheveningen fahren, beide aber auf völlig unterschiedlichen Wegen, was mich am Abend einen Fotospot kosten sollte. Und mit dieser Karte wäre es auch leichter zu verstehen gewesen, wann und warum aus der Linie 15 plötzlich die Linie 17 wird. Immerhin kostet das Tagesticket für diesen riesigen Spaß nur faire 8,30€, das System ist sehr gut ausgebaut (wenn man es mal verstanden hat) und die Klimaanlage ist so krass eingestellt, als würdest du einen Hechtsprung in flüssigen Stickstoff wagen.

Zwarte zwembad
Wie gut, dass ich eh zum Strand wollte, dort konnte ich in Ruhe auftauen. Der Wettergott meinte es gut mit mir, aber über 20 Grad sind viel zu warm, um in der Stadt rumzulaufen. Also tram(p)te ich zum Strand und warf mich dort in den Sand. Um zumindest schon mal ein Foto zu haben, schlich ich mich mit dem Tele an eine Möwe an. Ich sag mal so… viel besser wird’s nicht mehr.

Scheveningen wird uns ja immer so als mondänes Seebad angepriesen. Naja, das Kurhaus ist schon recht eindrucksvoll und überall kann man seine Moneten (hier Mr. Krabs vorstellen) in Kasinos verjubeln.

Aber keine 30 Meter neben dem Kurhaus steht ein Mäcces und… naja, das da. So ungefähr stelle ich mir ein Seebad in England vor. Blackpool, oder wie der Einheimische sagt: Zwarte zwembad.

Der Pier wäre bei Sonnenuntergang und bei Flut sicher noch etwas eindrucksvoller gewesen, aber man nimmt ja erstmal, was man kriegen kann.

Hoch hinaus unterkommen
Und so zog die Zeit ins Land und ehe ich mich versah, hatte ich gar nicht mehr so viel Zeit, meinen Koffer abzuholen. Dieser stand überraschenderweise noch an Ort und Stelle, ich bedankte mich und ging.

Mein Hotel sollte sich am anderen Hauptbahnhof der Stadt befinden, denn neben Centraal gab es noch Den Haag HS, was nicht etwa für Hundesohn steht, sondern für Hollandse Spoor. Dieser Bahnhof war anders schön (also wirklich!) und verstand sich als Regionalbahnhof. Hier hatte ich am nächsten Morgen mächtig Glück, dass die Sonne gerade im richtigen Winkel unterwegs war.

Nur einen Steinwurf davon entfernt befand sich meine Unterkunft, The Social Hub The Hague. Laut Hannois Aussage war es das günstigste verfügbare Hotel und doch der mit Abstand teuerste Posten der gesamten Reise. Glaube ich sofort und das Konzept begeisterte mich direkt. Das Ding war nicht nur ein Hotel, sondern auch Co-Working-Space, Langzeithotel für Expats, Restaurant, Bar und Treffpunkt. Entsprechend jung und international waren Publikum und Staff. Allerdings sollte man hier nicht abends betrunken heim kommen, denn in diesem Labyrinth hatte ich schon nüchtern meine Schwierigkeiten, das Zimmer zu finden. Es gab einen Aufzug, dafür musste ich aber ins Nebengebäude und durch fünf unterschiedliche Flure laufen und wenn man denkt, dass dort nur noch die Kammer des Schreckens Housekeepings lauern dürfte, steht man plötzlich vor dem Aufzug. Dieser beförderte mich in die oberste Etage, von der aus ich einen schönen Blick über die Stadt hatte.
Wenn man keinen Plan hat, kann kein Plan scheitern!
Nun packte mich plötzlich die Müdigkeit – der Tag startete früh – und statt mich in der Stadt umzusehen, lag ich erstmal auf meinem Bett rum. Hätte ich mich umgesehen, hätte ich etwas Entscheidendes bemerkt, denn als ich mit der Tram an der Rückseite des Binnenhofs landete, blickte ich auf eine gigantische Baustelle. Ich ging erstmal schulterzuckend meines Weges, denn erstmal wollte das Futter eingenommen werden.
Bei einem okayen, aber völlig überteuerten Inder gab es ein Abendessen und die verstörendste Toilette der Welt. Also nicht unbedingt Frankreich-wir-machen-nur-ein-dummes-Loch-in-den-Boden-verstörend, aber ein anderes Level. Der Raum, in dem sich der Donnerbalken befand, war nur wenig größer, als dieser selbst. Dort wollten Platz finden: Ein Waschbecken, die Schüssel, sowie beleibter Fotograf und sein Fotorucksack, der anderenfalls draußen vor der Tür hätte stehen müssen. Die Türklinke konnte man sitzend mit den Knien berühren und zum Glück (?) waren die Seitenwände nah genug, denn aufstehen war nur mit Abstützen an ebendiesen möglich. Das Waschbecken hätte das nicht überlebt.

Buten un binnen
Würde mich jemand nötigen, eine Top 10 der städtischen Fotospots Europas zu erstellen, der Binnenhof wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit vertreten. Die Gebäude dienen als Sitz des niederländischen Parlaments und bestehen größtenteils seit dem 17. Jahrhundert, als die Niederlande ihre erste Blütezeit erlebten und der Binnenhof als Zentrum der europäischen Diplomatie galt. Der Komplex als Solches ist allerdings bereits wesentlich älter und stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. Seit 1446 versammelt sich hier das niederländische Parlament. Und wenn man so davor steht, dieser Teich im Vordergrund und hinter dem Binnenhof ragt die moderne Skyline Den Haags in die Höhe… ähnlich faszinierend hat auf mich bisher nur der Palace of Westminster gewirkt.
Nur leider gab es an diesem Abend ein riesiges Problem. Erinnert ihr euch noch an die Baustelle? Diese beschränkte sich blöderweise nicht nur auf die Straßenseite des Binnenhofs, sondern die bauen das Ding komplett um! Bis 2030 soll der Spaß dauern, überall stehen Baucontainer und Materialien im Bild und wie zum Hohn dachte man sich, dass es doch eine super Idee wäre, eine riesige gelbe Aussichtsplattform direkt neben den Komplex zu stellen, damit man sich die Baustelle auch mal von oben anschauen kann.

Wie ein geprügelter Hund schlich ich am Teich entlang und guter Rat war nun sehr teuer, denn der durchaus beeindruckende Sonnenuntergang war bereits in vollem Gange. Ich habe mich vorhin ja lieber ausgeruht, statt mich über die Fotospots der Stadt und deren Erreichbarkeit zu informieren. Meine einzige Idee war, nochmal zum Strand zu fahren, denn dort hatte ich vorhin die Hafenausfahrt mit zwei Leuchttürmen erspäht. Allerdings war ich in der falschen Tram (Counter: 1!) und diese fuhr nicht direkt zum gewünschten Strandabschnitt. Gut, dass es zwei Haltestellen namens Duinstraat gibt, die von völlig unterschiedlichen Linien angefahren werden und 500 Meter auseinander liegen. Witzig, Den Haag. Echt witzig!

Noch viel witziger war, dass ich auf dem Weg zur besagten Haltestelle am Friedenspalast (Vredespaleis) vorbei bretterte, der den Internationalen Gerichtshof beherbergt und im Sonnenuntergang echt gut aussah. Blöderweise sah ich das erst, nachdem die Haltestelle passiert war. Das Bild am Strand, das es ersatzweise gab, war nun nicht herausragend, aber okay.

Tram-Kalamitäten
Ich setzte mich in die richtige Tram und hoffte, irgendwo später nochmal umsteigen zu können, um mit etwas Restlicht nochmal zum Vredespaleis zu kommen. Nur hat der liebe Herrgott keinerlei Umsteigemöglichkeit zwischen diesen Linien vorgesehen, sodass ich erstmal Richtung Zentrum fuhr, was vom Hafen aus aber nur mit Umsteigen möglich war. Ich stieg um, die Bahn fuhr los – mittlerweile war es echt schon gut dunkel – und ich wurde erst skeptisch, als das Stadtbild immer mehr Vorstadtcharakter annahm. Jemand ist mit der falschen Tram in die falsche Richtung gefahren… (Counter: 2!). Irgendwann war dieser Fauxpas korrigiert, nur musste ich nochmal umsteigen. Ich nahm abermals die Tram Richtung Scheveningen – erwähnte ich bereits, dass zwei verschiedene Linien auf unterschiedlichem Weg nach Scheveningen fahren? Natürlich war ich in der falschen (Counter: 3!), was ich aber immerhin bereits an der nächsten Haltestelle bemerkte. Meinen Plan mit dem Vredespaleis hakte ich nun endgültig ab und da ich praktischerweise an einer Gracht vor dem Büroviertel war, wollte ich einfach dort fotografieren.
Was ist das deutscheste Wort seit Erfindung des Wortes „verboten“? Richtig, „tja!“ Tja, da stand ich nun, im Dunkel Den Haags, vor einer Skyline und einer Baustelle direkt vor meiner Nase.

Ich nahm die nächste Tram Richtung Hotel und auch wenn das rein technisch die richtige war, was es trotzdem irgendwie die falsche. Ich stieg ein und bin natürlich direkt in dem Bereich gelandet, in dem sich jemand… naja, er hat sich Dinge nochmal durch den Kopf gehen lassen und das gesamte Gefährt hat bestialisch gestunken. Daher, Counter: 4!
Spanne(r)nd
Das ist schon auch ne Kunst. Du bist zum Fotografieren in Den Haag, hast fast perfekte Bedingungen und schaffst es, nicht ein vernünftiges Foto zu machen. Gut, dass es da ja noch mein Hotelzimmer im obersten Stockwerk gab. Fenster auf ging natürlich nicht, also diente der Vorhang als Abschirmung, damit keine hässlichen Reflexionen aufs Bild gelangen. Eigentlich ist auch dieses Motiv ziemlicher Schrott, aber immerhin habe ich mal den Auslöser betätigt.

Kein Sonnenaufgang ist auch ein Sonnenaufgang
Ich hatte das Gefühl, mit Den Haag noch eine Rechnung offen zu haben, deshalb klingelte der Wecker schon etwas vor Sonnenaufgang. Den Haag hatte das Gefühl, mit mir noch eine Rechnung offen zu haben, deshalb fiel der Sonnen“aufgang“ sehr bewölkt aus. Jo, danke. Ich stellte mich trotzdem an einen Teich vor dem Büroviertel und wäre gerne noch ein ordentliches Stück nach rechts gegangen, nur hätte ich dann noch viel mehr von diesem hässlichen Zaun links im Bild gehabt.

Zum Glück musste ich erst um 12 Uhr aus dem Hotel raus. Die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges vertrieb ich mir dann doch mal am Vredespaleis. So ein schönes Gebäude!
Eine einsame, offensichtlich hobbylose Frau in ihren 50ern, saß vor dem Gebäude herum und protestierte gegen einen israelischen Genozid. Zwei Araber kamen des Weges und klatschten lauthals Beifall. Ich verspürte tatsächlich irgendwie das Bedürfnis, diese drei Flitzpiepen in eine Diskussion zu verstricken, allerdings setzte sich dann doch die Vernunft durch und ich trat den geordneten Rückzug an.

Nicht jedoch, ohne nochmal kurz an der ‚Lange Voorhout‘ anzuhalten. Straßen mit Supernamen. Das niederländische „ou“ spricht man übrigens „au“ aus. Macht mit dieser Information was ihr wollt. Im Herbst sicher eindrucksvoller als im Sommer.

Abfahrt
Der geordnete Rückzug bestand diesmal nicht aus Rollmaterial aus der Zeit der Schlaghosen, sondern aus seelenlosem Krempel aus den 2000er-Jahren und bei der Gelegenheit muss ich dann doch mal eine Lanze für die (zurecht) vielgescholtene Deutsche Bahn brechen. Das hier war wieder ein Intercity, die Anmutung von dem Ding war allerdings irgendwo zwischen einer Gummizelle und einem McDonald’s einzuordnen.

Als würde man in einem Joghurtbecher fahren. Sowas passiert bei der DB nicht. Gegen das Ding wirkt ein ICE wie ein First-Class-Trip auf der Titanic (und die DB würde es hinkriegen, gegen einen Eisberg zu brettern!) und selbst ein schnöder Regionalexpress hat mehr Flair als die Gefährte unserer Nachbarn. Aber pünktlich sind sie und selbst ein in Amsterdam gestarteter ICE ist in Utrecht noch pünktlich. So war ich fast pünktlich in Oberhausen, nur um mich in der S-Bahn von ein paar Talahons nerven lassen zu müssen, bis zu denen sich die Erfindung der Kopfhörer noch nicht herumgesprochen hat. But Karma is a bitch und Karma kam in Form einer Fahrkartenkontrolle. Schade aber auch.
Fazit
Was auf dem Papier nach einer lustigen Idee klang, wurde von der Realität ziemlich schnell eingeholt. Es ist eine große Schnapsidee, unvorbereitet irgendwo fotografieren zu wollen, wo man sich überhaupt nicht auskennt. Für eine gewissenhafte Vorbereitung reicht auch eine relativ kurze Zugfahrt nicht aus. Hätte ich ein Auto gehabt, hätte ich meinen Pöppes einfach ins nur 20 km entfernte Rotterdam geschoben, um dort den Sonnenuntergang zu genießen. Und um frustriert in irgendeiner Stadt herumzulaufen und von Baustelle zu Baustelle zu eiern, ist in die Idee auch einfach zu viel Geld geflossen. Vielleicht fahren wir nächstes Mal einfach zusammen irgendwo hin und nur einer kennt das Ziel. So ist dann zumindest einer überrascht.

Mal ganz abgesehen davon, dass alle! Bilder rein handwerklich solide bis richtig stimmig sind, kann ich ja das Gemecker wegen der fehlenden Motive (Sonnenaufgang bis untergang) nicht verstehen. Also mir persönlich sind Milieu Bilder fast noch lieber, davon hast du ja auch reichlich geliefert. Das darf dann auch mal eine Baustelle sein ☝️Die Muschellatschen: ganz großes Kino 👏 Und wenn ich schon mal am Finger heben bin, („…..denn wenn dieses Volk eins nicht hat, dann einen stilsicheren Musikgeschmack……“) noch ein Wort zur Schlaghosenzeit: Da gab es in Holland großartige Musik (Brainbox, Focus, Golden Earring, Shocking Blue, Kayak, Supersister, Ekseption….), aber ok, was soll ich Spätgeborenen noch alles erzählen 🤣
Danke für die Reise, bin gerne mitgefahren, beste Unterhaltung!
Gruß der Andreas
Memo an mich: Nachdem ich bei einem Zusammentreffen den Gigi überlebt habe, werde ich dich erst mit Techno-Geschredder aus Rotterdam foltern und dann hören wir zwei hübschen noch ne Stunde lang den Radiosender „100% NL“. Danach wirst du meiner These schon zustimmen.
Selbstverständlich hat die Niederlande auch großartige Bands wie Ayreon, Epica, Within Temptation und natürlich Floor Jansen zu bieten. Die Gnade der späten Geburt. 😀 Aber in Deutschland gibt’s auch ne Menge großartiger Künstler und trotzdem möchte ich vor dem deutschen Mainstream schreiend davon laufen!
Natürlich hast du recht 🤜🤛 und natürlich gibt es nichts schöneres, als über Musik zu diskutieren/streiten. Das begleitet mich schon mein ganzes langes Leben. Ein Leben mit Musik.
Teil 2 ist vollbracht und wie immer sehr bildhaft beschrieben und dokumentiert. Ich Trottel hatte im ersten Beitrag aus Den Haag, Dänemark gemacht und musste erst mal zurück Blättern um meine Fauxpas zu bemerken. Man wird halt nicht jünger…
Wenn du Bock hast, kannst du dir ja mal meinen Blog ebenfalls anschauen. Allerdings gibt es erst einen einzigen wirklichen Bericht aus Detmold, der andere ist nur Platzhalter. Leider nehme ich mir nicht die Zeit, die ich mir nehmen sollte.
https://oliste.de/blog/erlebnisse-in-detmold-und-umgebung
VG
Oli
Dänehag. Kaffeehersteller. 😀
Ich guck mal. Detmold hatte ich bisher so gar nicht aufm Schirm… aber ja, die Zeit… warum hier fast ein Jahr lang nix passiert ist. 🙂